Donnerstag, 24. Juli 2024
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Ausgebeutet und ausgenutzt

Nevin Geveler kümmert sich in Gronau um zugewanderte Menschen aus Südosteuropa. Diese werden häufig von Leiharbeitsfirmen ausgenutzt und ausgebeutet.
Nevin Geveler kümmert sich in Gronau um zugewanderte Menschen aus Südosteuropa. Diese werden häufig von Leiharbeitsfirmen ausgenutzt und ausgebeutet.

Sie schlafen in Gronau in überteuerten, verwahrlosten Wohnungen und schuften in den Niederlanden in Fleischfabriken für einen Hungerlohn: vor allem Arbeitskräfte aus Rumänien und Bulgarien werden so ausgebeutet. „Es gibt Tage, da bin ich einfach fassungslos“, sagt Nevin Geveler. Die 28-jährige Sozialpädagogin kümmert sich seit dem 1. Juni dieses Jahres in Gronau um diese Arbeitnehmer. Das Land NRW stellte der Stadt Projektmittel für eine Beratungsstelle für zugewanderte Menschen aus Südosteuropa zur Verfügung. Die Stadt Gronau betraute mit dieser Aufgabe den Caritasverband Ahaus-Vreden. Nevin Geveler ist im Haus der Beratung an der Laubstiege Ansprechpartnerin.

Unterschiede in Melde- und Arbeitsrecht

Grundlage für das „Pendelleben“ der Rumänen und Bulgaren ist unter anderem eine unterschiedliche Rechtslage in Deutschland und den Niederlanden. So sind im Nachbarland Lohnabzüge für Miete und Gesundheitsfürsorge nur bis zu 25 Prozent zulässig und auch nur dann, wenn der Arbeitgeber angemessene Wohnbedingungen bietet. Auch beim Melderecht und beim Arbeitsrecht gibt es Unterschiede. Nevin Geveler: „Viele der Arbeitskräfte werden von Unternehmen der Leiharbeit nach Deutschland geholt. Sie arbeiten meistens ein halbes Jahr in den Niederlanden und bekommen dann zu hören: Es gibt jetzt keine Arbeit mehr.“ Es sei rechtlich abgesichert, diesen Personen zu kündigen. „Da sie in Deutschland wohnen, aber in den Niederlanden arbeiten, haben sie hier keine Arbeitnehmereigenschaft, bekommen also keine Sozialleistungen.“ Auch Lücken im Melderecht nutzen die Verleiher aus.

Deutsche Ärzte können nicht abrechnen

Die unterschiedlichen Gesetze links und rechts der deutsch-niederländischen Grenze nutzen die Leiharbeitsfirmen in den verschiedensten Bereichen ebenfalls aus. Nevin Geveler: „Es gibt Arbeitsvermittler, die den Arbeitsmigranten versprechen, sie in den Niederlanden bei der Krankenversicherung anzumelden – das aber nicht tun.“ Manche bekommen immerhin eine niederländische Gesundheitskarte – über die ein Arzt in Deutschland aber nicht abrechnen kann.

Kontrollen offenbarten skrupellose Ausbeutung

Vor einem Jahr, im Oktober 2022, ging die NRW-Landesregierung zusammen mit der niederländischen Regierung und einem Team des rumänischen Arbeitsschutzes gegen die ausbeuterischen Leiharbeitsunternehmen vor. In der Gronauer Herbertstraße wurden dabei 42 Wohnungen in fünf Immobilien unter die Lupe genommen. Die Kontrollen offenbarten skrupellose Mieter- und Arbeitnehmerausbeutung: Leiharbeitsfirmen, die ihre Arbeitnehmer abschotten, sie bedrohen, sie über ihre Mieterrechte in Unkenntnis lassen, sie in überbelegte Gebäude einquartieren und Matratzenmieten zwischen 300 und 400 Euro nehmen.

Offiziell 2000 Südosteuropäer – Dunkelziffer höher

Laut Nevin Geveler leben in Gronau offiziell rund 2000 Personen aus Südosteuropa. Sie geht aber davon aus, dass die Zahlen deutlich höher liegen, weil viele Personen nicht gemeldet sind. Aufgabe der Sozialpädagogin ist es, zu dem Personenkreis Vertrauen aufzubauen, Bedarfe zu ermitteln und Strukturen zu etablieren. Die Probleme sind mannigfaltig: Die Personen aus Südosteuropa haben oftmals ihr Vertrauen in Behörden und Ämter verloren. Sie verstehen aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse ihre Post nicht und fühlen sich häufig diskriminiert. Männer und Frauen gleichermaßen nehmen Nevin Gevelers Hilfe in Anspruch. Die Altersspanne der Rumänen und Bulgaren liegt zumeist zwischen 20 und 40 Jahren.

Hilfsangebot hat sich herumgesprochen

Das Hilfsangebot an der Laubstiege hat sich mittlerweile in der südosteuropäischen Community in Gronau herumgesprochen. Wenn man im Rathaus, im Jobcenter oder bei anderen Ämtern und Behörden kein passendes Hilfsangebot machen kann, dann nennt man Nevin Geveler als Ansprechpartnerin. Etwaige Sprachbarrieren überwindet sie digital. „Wir haben einen sehr guten elektronischen Übersetzer.“ Mal geht es um einen Jobverlust, mal um Streitigkeiten mit Krankenkassen, mal um die Anhäufung von horrenden Schulden. „Und mitunter darum, dass die Personen jede Hoffnung verloren haben, dass ihnen geholfen wird.“ Nevin Geveler fungiert nicht selten als Begleitperson bei Behördengängen, um die Betroffenen bei ihren Anliegen zu unterstützen. „Dann wird ihnen nicht so schnell gesagt, dass man ihnen nicht helfen kann.“

Hoffnung auf Verlängerung des Projektes

Nevin Gevelers Beratungsstelle ist aktuell als Projekt ausgelegt. Die Sozialpädagogin hofft, innerhalb der Projektlaufzeit einiges bewegen und bewirken zu können. „Die Leute dürfen nicht mehr durchs Netz fallen.“ Wünschenswert – auch mit Blick auf die Zahl der Hilfesuchenden in Gronau – wäre eine Verstetigung der Beratungsstelle über die Projektlaufzeit hinaus. Es gilt, Strukturen aufzubrechen und langfristig Vertrauen aufzubauen.

Manchmal Geld als alleinige Hilfe erhofft

Doch nicht immer kann sie helfen. Manchmal kommen Personen zu ihr, die sich als Hilfe einfach nur viel Geld erhoffen. So ging es jüngst in einem Fall um einen Mann, der 2000 Euro aufgelaufenen Rundfunkbeitrag zahlen sollte – für sich und 20 weitere osteuropäische Hausbewohner. Nevin Geveler ließ ihn mit dem Beitragsservice telefonieren und schaltete sich dann ins Gespräch ein. „Da schlug am anderen Ende der Leitung die Stimmung um.“ Nevin Geveler: „Eigentlich hätte der Beitragsservice doch sämtliche Meldebescheinigungen für das Haus bekommen müssen. Wenn einer für 20 zahlt, da muss man doch stutzig werden. Es stellt sich sogar die Frage, ob der Beitragsservice bei den anderen 20 nicht ebenfalls kassiert hat.“ Eine Antwort steht noch aus.

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