
Auf Einladung des Ortsverbands Bündnis 90/Die Grünen Gescher war die ehemalige NRW-Umweltministerin und langjährige Vorsitzende des Umweltausschusses des Deutschen Bundestages Bärbel Höhn zu Gast in Gescher. Gemeinsam mit Ortsverbandssprecherin Angelika Dapper-Schneider hatte sie sich bereits im Vorfeld über die inhaltlichen Schwerpunkte des Abends abgestimmt. Im Mittelpunkt standen die Herausforderungen der Klimakrise, ihre Auswirkungen auf den ländlichen Raum sowie konkrete Handlungsmöglichkeiten vor Ort. Das Thema stieß auf großes Interesse: Zahlreiche Besucherinnen und Besucher aus Gescher, Hochmoor sowie aus Vreden, Coesfeld und Holtwick waren der Einladung gefolgt. Nach einem eindrucksvollen Vortrag entwickelte sich eine lebhafte Diskussion mit zahlreichen Fragen und persönlichen Beiträgen aus dem Publikum.
Eindringliches Bild der aktuellen Klimakrise und ihrer Folgen
Bärbel Höhn zeichnete ein eindringliches Bild der aktuellen Klimakrise und ihrer Folgen. Klimaschäden verursachten inzwischen dreifache Kosten: Einerseits müsse der Ausstoß von Treibhausgasen konsequent reduziert werden, gleichzeitig seien umfangreiche Maßnahmen zur Klimaanpassung erforderlich, und zusätzlich stiegen die Kosten für die Bewältigung der immer häufiger auftretenden Naturkatastrophen. Sie verwies darauf, dass bereits sieben der neun planetaren Belastungsgrenzen überschritten oder stark gefährdet seien. Dazu gehörten unter anderem der Verlust der Artenvielfalt, die Zerstörung fruchtbarer Böden, der Rückgang der Süßwasserreserven, die Belastung durch Abfälle und Plastik, die Versauerung der Ozeane sowie die fortschreitende Erderwärmung. Auch der sogenannte Overshoot Day und der stetig wachsende CO₂-Fußabdruck machten deutlich, dass die Erde längst über ihre Belastungsgrenzen hinaus beansprucht werde.
Vorhandene technische Möglichkeiten konsequent nutzen
Die langjährige Umweltpolitikerin blieb trotz aller Herausforderungen optimistisch. Sie erinnerte daran, wie viel in den vergangenen Jahrzehnten bereits erreicht worden sei. Entscheidend sei jetzt, die vorhandenen technischen Möglichkeiten konsequent zu nutzen. Ziel müsse es sein, innerhalb der nächsten zehn Jahre den Weg zur CO₂-Neutralität deutlich zu beschleunigen. Die Technologien dafür seien längst vorhanden.
Kritik an Debatte über Rückkehr zur Atomkraft
Besondere Chancen sieht Höhn im ländlichen Raum. Gerade Regionen wie das Münsterland könnten von erneuerbaren Energien profitieren. Strom aus Wind und Sonne, die Elektrifizierung der Wärmeversorgung und der Ausbau der Elektromobilität stärkten nicht nur den Klimaschutz, sondern machten Deutschland zugleich unabhängiger von Energieimporten. Positiv bewertete sie den bereits erreichten Ausbau der erneuerbaren Energien. Gleichzeitig machte sie deutlich, dass beim Gesamtenergieverbrauch aus Strom, Wärme und Verkehr noch erheblicher Nachholbedarf bestehe. Kritik übte sie an der Debatte über eine Rückkehr zur Atomkraft sowie am Einbau neuer Gasheizungen. Beides sei weder wirtschaftlich noch zukunftsfähig. Ebenso sprach sie sich für regionale Stromtarife, den konsequenten Ausbau von Photovoltaikanlagen auf öffentlichen Gebäuden, mehr Bäume statt versiegelter Flächen und die Einführung des bereits seit Jahren vorgeschlagenen Klimageldes aus.
Bedeutung regionaler Landwirtschaft
In der anschließenden Diskussion standen Fragen zur zukünftigen Stromversorgung, zu Speichertechnologien, zu zunehmenden Hitzetagen sowie zum Einsatz von Klimaanlagen in Schulen und Pflegeeinrichtungen im Mittelpunkt. Auch die Situation vor Ort wurde thematisiert. Gescher sei bereits gut aufgestellt und erzeuge heute schon einen hohen Anteil seiner Energie aus erneuerbaren Quellen. Gleichzeitig wurde auf die Bedeutung regionaler Landwirtschaft hingewiesen. Mit Sorge wurde festgestellt, dass die Nachfrage nach heimischen Produkten zuletzt wieder zurückgegangen sei. Mehrfach wurde auch deutlich, wie sehr viele Menschen die Folgen des Klimawandels bereits persönlich wahrnehmen und zugleich frustriert darüber sind, dass notwendige politische und gesellschaftliche Veränderungen häufig nur langsam vorankommen.
Appell an alle Generationen, Verantwortung zu übernehmen
Zum Abschluss appellierte Bärbel Höhn an alle Generationen, Verantwortung zu übernehmen. „Die Zukunft unserer Kinder und Enkel beginnt mit den Entscheidungen, die wir heute treffen“, lautete ihre zentrale Botschaft. Jede und jeder könne im eigenen Lebensbereich dazu beitragen, dass auch kommende Generationen in einer gesunden und lebenswerten Umwelt aufwachsen können. Mit viel Energie und spürbarer Zuversicht machte die 74-jährige Umweltpolitikerin deutlich, dass entschlossenes Handeln auch heute noch einen Unterschied machen kann. Wie groß das Interesse an diesem Thema war, zeigte sich auch am Büchertisch: Sämtliche mitgebrachten Exemplare ihres aktuellen Buches waren innerhalb weniger Minuten vergriffen.
